Seit wann ist denn das Sozialverhalten im Verkehr abhängig vom Verkehrsmittel?
Hallo Uwe, hallo Paul-Josef, hallo zusammen,
danke für die Bestätigung dessen, was einige im Thread schon auf Seite 1 und andere bis Seite 9 noch nicht verstanden haben: Das soziale Verhalten sind nicht ein Frage des Verkehrsmittels, sondern der Persönlichkeit. Wer sich auf dem Rad rücksichtslos verhält, wird es am anderen Tage auch auf dem Auto oder Motorrad tun. Wie überall im Leben. Von daher tragen alle anderslautenden Vorurteile zum Thema nichts konstruktives bei.
Fahrrad- und Motorradfahrer haben neben den zwei Laufrädern auch nicht wenige Probleme gemeinsam, insbesondere die Verletztlichkeit und manchmal leider die mangelnde Beachtung oder Rücksicht, die sie erfahren. Die sollte man Ihnen auch im Hinblick auf die schwarzen Schafe unter Zweiradfahrern nicht verweigern.
Da sich Zweiradfahrer aller Art zunehmend in Gruppen bewegen, lohnt es sich mal aus Sicht der Gruppe auf einige Dinge hinzuweisen, die dem vorbeifahrenden Kraftfahrer ohne Gruppenfahrpraxis oft nicht bewußt sind:
Die meisten Teilnehmer in einer Gruppe sind bis auf Vorausfahrer und Schlußlichter nach vorne und hinten "blind" und davon abhängig, daß ihre Leithammel sie vernünftig führen und alle weiteren Verkehrsteilnehmer sich ausreichend rücksichtsvoll verhalten. Ein Gruppe ist immer träge und es dauert, bis alle eine veränderte Situation erkennen und darauf angemessen reagieren. Beispielsweise ein Überholen ermöglichen, oder die Fahrbahn räumen, wenn mal ein Stop am Straßenrand nötig war.
Insofern sollte man eine Gruppe immer wie ein landwirtschaftliches Fahrzeug oder einen Lastkraftwagen mit Hänger sehen.
Die unfallträchtigsten Situationen entstehen, wenn ein aufkommendes Fahrzeug beim Überholen abbrechen muß und in die Gruppe einschert. Da das Einscheren in Gruppen nicht nur unzulässig (§49 StVO), sondern wirklich brandgefährlich ist, sollte man beim Überholen besonders vorsichtig sein. --- In der Praxis kommt es jedoch min. einmal pro Tour vor, daß ein Auto trotz nahem Gegenverkehr zum Überholen ansetzt und sich völlig verschätzt, so daß es nur wenige Meter zwischen Gruppe und Gegenverkehr einschert oder sogar in die Gruppe 'reindrängt.
Es schadet auch nicht zu wissen, welche Ausnahmen die Straßenverkehrsordnung für das Fahren im Verband (§27 StVO) vorsieht:
1. Verbände ab 16 Zweiradfahrern dürfen und sollten zweispurig fahren.
Der Verband wird so kürzer und kann leichter überholt werden, ohne daß die Überholgelegenheiten nennenswert eingeschränkt werden, denn auch einspurige Gruppen kann man innerhalb der Fahrspur i. d. R. nicht unter Einhaltung des erforderlichen Sicherheitsabstandes überholen.
2. Verbände dürfen vom übrigen Verkehr nicht unterbrochen werden. Ausgenommen sind nur Einsatzfahrzeuge oder Schienenfahrzeuge.
Das "nur" heißt in der üblichen Rechtsinterpretation auch, daß ein Verband beampelte Kreuzungen stets geschlossen überqueren darf und auch sollte, selbst wenn die Ampel für die hinteren Teilnehmer zwischenzeitlich rot und für den Querverkehr grün zeigt. In dieser Situation ist ein Verband wie ein Fahrzeug, und weil das sicherer ist, als wenn ein Dutzend Zweiradfahrer nach der Kreuzung rechts warten, die Spur versperren und bei Grün dann wieder in den Verkehr 'reineiern, sollte man auch hier eine Minute Geduld haben und nicht dem vermeintlichen "Recht" folgend, bei Grün hupend in die Kreuzung einfahren, solange der Verband noch da ist.
3. Radgruppen werden i. d. R. auch benutzungspflichtige Radwege nicht benutzen.
Es sollte einleuchten, daß das ständige Wechseln von der Fahrbahn auf den Radweg oder umgekehrt, was ja baulich oft alle paar hundert Meter nötig wird, oder ein sicheres Überqueren von Kreuzungen in der Gruppe innerorts wie außerorts nicht sicher möglich ist.
Natürlich unterliegt das Fahren im Verband auch besonderen Pflichten, und ein Gruppe von Zweiradfahrern wird sich in eigenem Interesse darum bemühen, das Fahren --- nicht zuletzt durch eigenen Leitfäden und Vorgaben zum Gruppenfahren, die man in zahlreichen Varianten leicht per Google findet --- sicherer zu gestalten.
Ich weiß, daß solche "Herden" für den Kraftfahrer immer nervig sind, aber jede noch so disziplinierte Gruppe ist nur so stark wie ihre schwächsten Glieder, und von daher kann ich bei Gruppen von Zweiradfahrern --- gleich welcher Art --- nur um besondere Geduld und Rücksicht bitten.
viele Grüße
Andreas